Pferd als Lehrer

Wie mein Pferd mein Coach wurde

Angst vorm Reiten

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Zwischen 2005 und 2006 hatte ich immer wieder Angst davor, mein Pferd zu reiten. Skippy wurde dadurch, dass er so wenig geritten wurde, nicht einfacher, er begann zu buckeln, was meine Angst nur noch verstärkte. Jeder Ritt war eine große Überwindung für mich. Ich erzählte offen und ehrlich über meine Angst, doch größtenteils erntete ich nur blöde Kommentare.

Dass die Angst oft nur in unserem Kopf (dem Kopf des Reiters) sitzt durfte ich Anfang 2007 erkennen. Eine abenteuerliche Reise zeigte mir, dass das Problem nicht beim Pferd liegt. Hier die Geschichte hinter der Erkenntnis:
10 Jahre nach unserer Hochzeitsreise nach Marokko und Mauretanien, hatten wir die Gelegenheit, beide Länder wieder zu besuchen. Geplant war, dass ich meinen damaligen Mann im Senegal in Dakar traf und wir gemeinsam mit dem Auto zurück nach Österreich fahren – sozusagen zum 10. Hochzeitstag.

Am 19. Jänner war es dann endlich für mich soweit, dass ich nach Dakar fliegen konnte.

Endlich geht am 19. Jänner mein Flug, schon in Europa kommt es zu Problemen, der Orkan beschert mir eine große Verspätung. Mitten in der Nacht komme ich endlich in Dakar an. Für eine Nacht (so war es geplant) habe ich mich im besten Hotel der Stadt einquartiert. Der Transfer dorthin beschert mir einen „kurzen“ Blick auf Dakar bei Nacht. Was ich sehe macht mich allerdings ein bisschen untentspannt. Auch der Aufenthalt im „besten Hotel der Stadt“ gestaltet sich mühsam. Endlich um 2 Uhr Früh habe ich mein Zimmer und Michi erreicht mich. Seine Nachricht: wir bleiben noch länger in Gambia, komm einfach mit dem nächsten Flieger und wir treffen uns dann morgen in Banjul, oder ich warte ein paar Tage im Hotel. Das Warten im Hotel war unmöglich, da zum gleichen Zeitpunkt die Rally Paris-Dakar in Dakar ankam, gab es weder in meinem Hotel noch in einem anderen Hotel ein freies Zimmer, ich habe ungefähr 17 Hotels angerufen. Also bleibt nur die Möglichkeit, nach Gambia zu fliegen.

Gesagt getan. Mit dem „Wissen“, dass eh zwei bis drei Flieger täglich von Dakar nach Gambia gehen, fahre ich zum Flughafen und kaufe ein Ticket. Ich bekomme ein Ticket für den Flug um 12.00 Uhr mittags, die Dame am Schalter meint aber, dass ich erst um Mitternacht fliege.

Die nächste Hürde ist das einchecken. Ich habe keinVisum für Gambia. Ein kurzer Anruf beim österr. Botschafter im Senegal, der sagt, ich soll es versuchen, wenn ich nicht ins Land reinkomme, schicken die mich mit dem nächsten Flieger eh zurück. Ich komme zu Passkontrolle, im Paß ist natürlich kein Visum für Gambia, deswegen werde ich auch nicht durchgelassen, mein Bitten und Flehen nutzt mir nichts. Immer wieder werde ich von drei freundlichen Herren darauf hingewiesen, dass Deutsche kein Visum brauchen, Österreicher aber sehr wohl. Was soll ich machen, kurz überlege ich, ob ich in Tränen ausbrechen soll, und sagen soll, mein Mann hat mir befohlen zu kommen und jetzt fürchte ich mich, dass es nicht geht (doch auch auf brave Frau tun nutzt nichts). Erst als ich die nicht sehr rühmliche österreichisch/deutsche Vergangenheit anspreche, darf ich durch.
Der Flughafen ist vollgestopft mit Leuten, mein Flug geht natürlich nicht um 12.00 Uhr mittags. Von einer Deutschen, die für die Entwicklungshilfe arbeitet, erfahre ich, dass heute wahrscheinlich kein Flieger mehr in den Süden geht, da im Süden Senegals ein Oppositionsführer begraben wird und die Regierung nicht will, dass Leute am Begräbnis teilnehmen. Und tatsächlich kommen einige wenige internationale Flüge an, es geht aber kein Flieger weg, der Flughafen wird immer voller. Es kommt zu einigen Zwischenfällen, 200 Passagiere können seit 36 Stunden nicht nach Paris fliegen, die rennen schreiend und raufend durch den Flughafen, bis alle endlich gegen 14.00 Uhr in einen Flieger am Rollfeld gesetzt werden. Fliegen dürfen sie aber erst um 19.00 Uhr. Endlich um 18.30 Uhr wird mein Flug aufgerufen – boarding now. Aber wohin boarding? Es steht kein Flieger draußen. Ich frage eh schon stündlich nach, wann ich denn fliege – not yet – ist die vielsagende Antwort. Meine Nerven sind bis zum Zerreisen gespannt. Michi erreiche ich nicht mehr, telefoniere daher ständig mit der Agentur, für die Michi unterwegs ist, keiner kann mir helfen. Ich sitze am Flughafen fest. Gegen 20 Uhr frage ich noch mal nach, wann ich denn heute fliege. Die Auskunft: Heute nicht mehr, ich soll rausgehen aus dem Flughafen und morgen um 9.00 Uhr wieder kommen. Das Problem dabei, es gibt kein Zimmer in Dakar, habe wieder einige Hotels angerufen, der Botschafter rät mir, ich solle in die Innenstadt fahren und alle Hotels abklappern, das getraue ich mich aber als Frau alleine doch nicht. Plötzlich sehe ich, wie zwei Männer und eine Frau mit einer Stewardess diskutieren, ich stelle mich dazu und merke, es geht um meinen Flug. Da stell ich mich dazu. Ich bemerke kurz, dass es mir auch so geht. Die Info der Stewardess ist, wir sollen zum Flughafenmanager gehen, dort bekommen wir 30 Euro und dann sollen wir morgen wieder kommen. Keiner von uns ist damit einverstanden. Wo soll ich auch hin? Hotel konnte ich keines finden. So warten wir zunächst einmal eine Stunde auf den Flughafenmanager, dieser ist erst nach über einer Stunde Diskussion halbweg kooperativ. Michi weiß inzwischen, dass der Flug gecancelt ist, einer meiner Mitreisenden hat seine Frau am Flughafen in Banjul angerufen, die hat dort Bescheid gesagt, dass die dort im Infoscreen zeigen, dass der Flug gecancelt ist. Michi erreiche ich nicht. Ich bin schon etwas unentspannt, gehe aber von den (wie sich herausgestellt hat) Gambiern nicht mehr weg. Meine Überzeugung ist, dass ich alleine nicht weiterkomme. Wieder eine Stunde später hat uns der Flughafenmanager eine Unterkunft bei seiner Cousine um 15 Euro besorgt, und er stellt uns sogar ein Shuttle zur Verfügung. So wie es vor dem Flughafen zugeht, getraue ich mich nicht allein raus, ich bleibe also den Gambiern ganz knapp auf den Fersen. Und wieder einmal geht die Fahrt nach Dakar hin. Diesmal nicht in die beste Gegend sondern in ein Slumgebiet, in dem hauptsächlich Baracken stehen. Der Shuttle – Fahrer verirrt sich noch dazu. Kurz denke ich, wenn ich jetzt verschwinde, weiß niemand wo ich bin und es findet mich auch niemand mehr.Endlich findet der Fahrer das Haus, es sieht ganz ordentlich aus. Jeder von uns bekommt ein eigenes Zimmer mit Bad und Klo. Plötzlich werden meine Gambier unruhig, alle wollen in ein Internetbüro, um ihre mails abzurufen, und siehe da, mitten in der Slumsiedlung gibt es echt ein Internetbüro, eigentlich finde ich, keine schlechte Idee, so kann ich mich daheim melden und mitteilen, wo ich bin. Allein wäre ich sowieso nicht im Haus geblieben. Nach dem Internetbüro versuche ich zu schlafen, bekomme aber kein Auge zu, versende noch reihenweise SMS, damit alle wissen, wo ich bin. Meine Nerven sind so angespannt, dass ich die halbe Nacht über der Kloschüssel verbringe, will es aber niemandem sagen, damit die mich nicht da lassen.

Als die Nacht endlich vorüber ist, steht tatsächlich um 7.00 Uhr das Flughafen – Shuttle vor der Tür und bringt uns zum Flughafen. Jetzt getraue ich mich auch erstmals, meinen gambischen Freunden mitzuteilen, dass ich kein Visum habe. Sie meinen, das ist kein Problem, wir schaffen das schon. Tatsächlich dürfen wir dann um 9.00 Uhr in den Flieger einsteigen. Der ist so überbucht, dass viele im Flieger stehen müssen. Ich schaue nur noch nach unten, lass mich von keinem mehr anreden, ich will nur noch nach Gambia. Eine dreiviertel Stunde später landen wir in Banjul, eine Hürde habe ich noch vor mir, die Passkontrolle. Einer meiner gambischen Begleiter ist vom Tourismusministerium, der schiebt mich praktisch durch die Passkontrolle. Alles gut gegangen, sogar mein Gepäck ist mit angekommen. Und das Schönste – Michi steht am Flughafen und holt mich ab.

Mauretanien und Marokko hab ich dann trotzdem nicht gesehen. Michi wurde an der Grenze der Pass gestohlen, nach einer Woche sehr entspanntem Urlaub in Gambia bin ich dann allein wieder zurückgeflogen. Der Flug von Senegal nach Gambia hat mich an meine Grenzen gebracht, aber ich habe diese Grenzen überwunden und es geschafft.

Daheim angekommen fragte ich mal in mich hinein, ich habe diese Horrorstunden im Senegal ganz allein überstanden, okay nicht ganz angstfrei – aber ich habe alles richtig gemacht. Ich war stark und überlegt. Und hier – daheim – getraue ich mich nicht, mein eigenes Pferd zu reiten?

Ich fühlte mich so stark, dass ich Skippy einfach sattelte und ritt. Ja ich ritt, er buckelte nicht, ging brav, war willig und total entspannt. Meine Angst war weg – noch wichtiger – dadurch gab ich ihm Sicherheit. Die Sicherheit, die er brauchte.

Unsere Angst spielt sich im Kopf ab – okay reiten kann schon auch gefährlich sein, das weiß ich selbst am Besten – aber viel tragen wir durch unkonkrete Angst dazu bei, dass auch unser Pferd unsicher wird. Trotzdem dürfen wir die Angst nicht einfach ignorieren, viel besser ist es, sich ihr zu stellen und sie zu akzeptieren. Gehen wir kleine Schritte, die ein gutes Gefühl hinterlassen. Nicht jeder kann nach Gambia fliegen.

Ich wünsche Euch viel Einsicht und schöne, angstfreie Stunden mit den Pferden

 

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